PASCAL ERB | Dossenhütte Wanderung
Die schönste Wanderung des Berner Oberland zu der Dossenhütte. Der anspruchvollste SAC Hütten-Weg
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Wanderung zur Dossenhütte

Eines der schlimmsten und gleichzeitig schönsten Erlebnisse durfte ich am letzten Wochenende erfahren. Auf einem wunderschönen und zu gleich beängstigenden Weg zur Dossenhütte, durchlebte ich ein Wechselbad der Gefühle. Aber mal ganz von vorne:

Ca. vor etwas mehr als 2 Monaten bekam ich ein WhattsApp von der Schwester meiner Freundin:

„Also mir wandere am 31.juli zude dossehütte de alpini weg.mir sind bis jez zu 5. und chasch di oder ihr eus gern ahänke isch denn übernachtig im masseschlag ohni duschi“

Ich dachte mir: „na klar wieso nicht“. Ach ja, es kamen dann noch zwei drei Nachrichten dazu, die ich besser Ernst genommen hätte:

„Muesch eifach schwindelfrei und trittsicher si…“

„Bruchsch eifach gueti schue und denn hets seili/leitere für die schwierige stelle“

Meine Antwort war cool und locker:

„Kei Problem bin scho schlimmers gloffe“

Was  natürlich total gelogen war. Mit meiner Höhenangst kann ich nicht mal an einer Klippe stehen. Manchmal im Leben muss man halt was Neues probieren. Hätte ich mich mal zuerst etwas informiert, wäre ich wohl nicht gegangen.

Dossenhütte-75 Dossenhütte-75

In der Schweiz gibt es eine SAC-Wanderskala!

WanderskalaWer jetzt sehr aufmerksam war, der hat bei den T4 Beispielen „Dossenhütte“ gelesen.

Natürlich erfülle ich die Anforderungen von Grund auf nicht. Ich besitze weder Vertrautheit mit exponiertem Gelände, noch habe ich alpine Erfahrung und schwindelfrei bin ich schon gar nicht 😀

Für alle, die nun die tollen Bilder unten sehen und denken, dass muss ich auch machen. Denkt daran, es gibt keine Bilder von den schwierigen Passagen. Ich war schlichtweg nicht in der Lage, die Kamera zu bedienen. Das nicht nicht nur, weil ich Angst hatte, sondern weil ich damit beschäftigt war, mich mit beiden Händen durch die Felswand zu angeln .

So genug der Informationen und des Selbstmitleids, ich würde ja nicht hier sitzen und schreiben, wenn ich es nicht überlebt hätte 😉

Das Ziel ist der Weg

Unser kleiner Ausflug begann am 31. Juli 2016 zu früher Morgenstunde. Die Wettervorhersage war nicht berauschend und wir entschieden uns dafür, möglichst früh los zu gehen. So, dachten wir, wäre die Chance grösser, vor dem Regen den Gipfel zu erreichen.

Um ca. 08:00 Uhr erreichten wir Meiringen, ein kleines Dorf im Berner Oberland. Um noch mehr Zeit gut zu machen, fassten wir den Entschluss, mit dem Postauto (Schweizer Bus – Linie 470.65) bis nach  Rosenlaui zu fahren.  Das Wetter schien mitzuspielen und es bis anhin war es trocken geblieben.

Der Weg führte uns zuerst durch eine bezaubernde Gletscherschlucht, die mich sehr an die Aareschlucht erinnerte. Damit der Weg stehts in guter Verfassung bleibt, bezahlt man für die Schlucht einen Eintritt von 12 Fr. Wer sich das ersparen möchte, kann auch eine andere Strecke wählen.

Nach ca. 20min ist man am Ende der Schlucht. Durch ein Drehkreuz tritt man in die unangetastete Natur hinaus. Wir blieben bei der Kreuzung zur Engelhornhütte kurz stehen und besprachen, ob wir die WanEsderung zur Dossenhütte wagen oder nur bis zur Engelhornhütte wandern sollten. Der Wetterradar zeigte für drei Uhr nachmittags Gewitter an. Es war aber erst 9:30 Uhr. Nach längeren Diskussionen war klar, dass sich drei entschieden, umzudrehen und nur noch vier Wanderer verblieben, die das Ziel verfolgten, noch vor dem Gewitter die Hütte zu erreichen. Bis zur Dossenhütte galt es noch 1340m zu erklimmen und dazu hatten wir 5 Stunden Zeit. Das schien machbar zu sein, weshalb ich mich entschied, auch mitzugehen.

„Der Weg von hier in das Urbachtal ist der steilste und ermüdenste Geisspfad, den ich kenne“, hielt Eduoard Desor in seinem 1847 auf deutsch erschienen Buch „Agassiz‘ und seiner Freunde geologische Alpenreise in der Schweiz, Savoyen und Piemont“ fest, in dem er unter anderem die Besteigung des Dossenhorns (3138m) im Sommer 1843 beschreibt. „Wenn es gilt, eine steile Spitze hinabzuklimmen, so findet man alle Hindernisse in der Ordnung und denkt einzig daran, sie zu überwinden; allein sobald es heisst, man finde da einen Weg, so gibt man weniger Acht und kann dadurch die grösste Gefahr laufen.“

Was hätte Desor, Erstbesteiger des Lauteraarhorns, des Rosenhorns und des Ewigschneehorns, wohl geschrieben, wenn er den noch schwierigeren Weg aus dem Rosenlauital zur Dossenhütte (die es damals natürlich noch nicht gab) gekannt hätte?

Nun hiess es, nach rechts abbiegen und auf einem schmalen weiss-blau markiertem Weg südwärts zum aufälligen Moränenkamm zu wandern. Wir schlugen ein gutes Tempo an und nach zwei Stunden erreichten wir eine brüchig Steinstufe. Jeder Schritt musste sorgfältig gewählt sein. Die Steinstufe überquert, dachten wir, das Schlimmste sei überstanden. Bereits mit Schmerzen in den Beinen lachte uns die Sonne entgegen und die Stimmung lockerte sich auf. Wir gönnten uns eine kurze Pause und genossen ein paar Sonnenstrahlen. Das Wetter in den Bergen kann aber sehr trügerisch sein. Wir wussten, es könnte jeder Zeit umschlagen. So war es dann auch. Als wir einen Weg mit Eisenstiften, Drahtseilen und Leitern erreichten, fing es an zu regnen. Mit schweren Beinen hieften wir uns auf auf eine Gröllterasse (bei Nässe heikel); weiter nach links zum Rosenlauibiwak. Bei diesem angekommen verschwand der Regen und etwas oberhalb davon galt es, eine zweite Felsenstufe zu überqueren. Ohne die Hände kamen wir nicht mehr vorwärts. Voll konzentriert, um keinen falschen Schritt zu machen und in die Tiefe zu stürzen, gelangten wir zum Verbindungsgrat Gstellihorn-Dossen. (Anforderungen: Für wirklich trittsichere schwindelfreie Bergwanderer; Weg aus dem Rosenlauital teils klettersteigähnlich. Als alpine Route weiss-blau-weiss markiert.)

Weg-1bAuf dem Bild könnt ihr den Weg über den Grat sehen. Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich, sowas werde ich in meinem Leben nie machen. Mit meiner Höhenangst unpassierbar. Aber was sollte ich machen? Umzudrehen kam nicht in Frage. Runterklettern wollte ich auch nicht mehr. Somit musste ich meine Angst überwinden und den Weg passieren. Nach den ersten Kletterversuchen schaltete mein Hirn sich aus. Vielleicht war es sogar eine Art Überlebens-Modus? Fest an den Felsen geklammert, stehts mit Blick Richtung Berg, ging es Schritt für Schritt vorwärts. Runterschauen war definitiv keine Alternative. Manchmal galt es, um einen Felsen rum zu klettern und man wusste nicht, was einem dahinter erwarten würde. Zwischendurch gab es auch stellen, an denen man wieder mal normal stehen konnte. Doch eine Pause lag nicht drin, dunkle Wolken zogen auf und die Hütte schien noch einige Höhenmeter entfernt. Ausser Atem und in einem Zustand, den ich so noch nie erlebt hatte, wollte ich nur noch möglichst schnell das Ziel erreichen. Je mehr ich kletterte, desto mehr baute ich Vertrauen in mich auf und die Angst verfloss zwischenzeitlich ganz. Kurz vor dem Ziel waren meine Muskeln derart übersäuert, dass ich erste Krämpfe in den Beinen bekam. Tolles Gefühl wenn du am Abhang hängst mit einem Krampf im Oberschenkel. Auf die Zähne beissen und weiter lautet aber die Devise. Kurz nach 14:00 Uhr erreichten wir das langersehnte Ziel. Endlich angekommen bei der Dossenhütte. Ein unbeschreibliches Gefühl! Einfach die Aussicht geniessen und stolz, von oben herab, den Weg bestaunen, den man passiert hat.

Genau eine Stunde später setzte dann der Regen ein und ein Gewitter zog auf. Zum Glück übernachteten wir in der Dossenhütte, in der es noch ein erstaunlich gutes 3 Gang Menü gab. Um 20:00 Uhr war ich dann bereits im Bett und fragte mich, wie ich am nächsten Tag  wieder hinunterkommen sollte?

Am frühen Morgen begrüsste uns eine dicke Nebeldecke. Da das Wetter aber nicht besser wurde und uns ein sechsstündiger Abstieg erwartete, blieb uns nichts Anderes übrig, als die Reise Richtung Urbachtal anzutreten. Der Abstieg erwies sich als einiges angenehmer als der Aufsteig. Von der Hütte südwärts in eine oft firngefüllte Mulde und ost-, dann südwärts über Geröll und eine Schneedecke. Diese war nicht ganz ohne und ich empfehle jedem, Stöckte mitzunehmen. Nicht nur zur eigenen Sicherheit, sondern auch, weil der Abstieg ermüdend ist und extrem in die Beine geht. Nachdem man noch einmal einen Felsen überqueren muss, geht es weiter über Gras und Felsschrofen hinunter nach Fleschen. An Ruinen von Alphütten vorbei gelangt man weiter auf eine Schulter (P. 1879.5 m). Dann folgt der anstregendste Teil. Auf dem teilweise von dichter Vegetation begrenzten Pfad geht es steil hinab über die Alp Enzen (1677 m), bis man rechts haltend zum Gaulihüttenweg gelangt. Zum Schluss der Rundwanderung werden noch einige Wildbäche gequert. Diese sind gut passierbar aber mit nassen Schuhen ist zu rechnen. Auf der rechten Talseite geht es weiter nach Mürvorsees (872 m), wo die Strasse durchs Urbachtal beginnt. Ihr folgen wir 3.5 km bis in der Steilstufe ausgangs des Tals rechts der Wanderweg abzweigt. Die Beine sind müde, der Kopf entleert und man ist glücklich, im Tal angekommen zu sein.

Durchaus eine der schönsten Wanderungen, die ich je gemacht habe.

Infobox:

Einkehr und Unterkunft: Hotel Rosenlaui; Dossenhütte SAC, 55 Plätze,  bewirtschaftet von Juni-September (Tel.: 033 971 44 94). Hotels in Innertkirchen.

Sehenswertes: Die Hütte, die zwischen Erde und Himmel an einem Grat klebt. Die Engelhörner die ins Urbachtal abbrechen.

 

Pascal Erb

info@pascalerb.com
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